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Warum Österreich global zu den Pionieren der Abfallwirtschaft zählt (Beispiel Steiermark, Teil 2)

18. Oktober 2018 // blog, Newsmeldungen,

Im zweiten Teil unserer Einblicke in die österreichische Abfallwirtschaft erklärt uns Frau Dr. Ingrid Winter vom Land Steiermark (A14 – Referat Abfallwirtschaft und Nachhaltigkeit) welche bewusstseinsbildenden Maßnahmen das Land Steiermark setzt, um die Bevölkerung für das Thema „Circular Economy“ zu sensibilisieren und was sie anderen Ländern für die Etablierung einer funktionierenden Abfallwirtschaft raten würde.

Neben den rechtlichen Rahmenbedingungen und der kommunalen und privatwirtschaftlichen Infrastruktur spielt ja das Trennverhalten der Bürger eine wesentliche Rolle für eine funktionierende Abfallwirtschaft. Welche bewusstseinsbildenden Maßnahmen setzt das Land Steiermark ein um die Bevölkerung für das Thema „Circular Economy“ zu sensibilisieren?

„Circular Economy“ setzt voraus, dass die Abfallhierarchie (Vermeidung – Vorbereitung zur Wiederverwendung – Recycling – sonstige Verwertung – Beseitigung) als Grundsatz der Abfallbewirtschaftung konsequent auf allen Ebenen umgesetzt wird.

Wir setzen in diesem Zusammenhang auf eine Vielzahl an bewusstseinsbildenden Maßnahmen. Ein wesentliches Instrument zur Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung ist die Abfall- und Umweltberatung der steirischen Abfallwirtschaftsverbände. Die jährlichen Öffentlichkeits-Kampagnen der steirischen Abfallwirtschaftsverbände zielen auf Ressourcenschonung durch bessere Abfalltrennung (z.B. zum Thema Altkleider (2015) und Bioabfallsammlung (2016/17)) ab.

Zahlreiche Projekte in Kindergärten und allen Schultypen mit den Themenschwerpunkten Abfallvermeidung, Abfalltrennung und nachhaltiger Konsum wurden mit eigenen Ideen oder basierend auf pädagogischen Materialien (z.B. EAG-Schulkoffer der Elektroaltgerätekoordinierungsstelle) umgesetzt. Für steirische Schulen wurde das Angebot entwickelt, einen „Footprint-Coach“ des Umweltbildungszentrum (UBZ) für Aktionstage zu buchen, um den Weg zu einem kleineren Ökologischen Fußabdruck zu schaffen.

Mit der Modernisierung der steirischen Altstoffsammelinfrastruktur, v.a. durch Errichtung zentraler und kundenfreundlicher „Ressourcenparks“, soll nicht nur die Erfassung von Wertstoffen deutlich gesteigert werden, sie sollen auch als Zentren der Umwelt- und Abfallberatung und somit zur Bewusstseinsbildung fungieren.

Seit 2015 wird für Privatpersonen, die sich ehrenamtlich für Abfallvermeidung, eine bessere Abfalltrennung und Ressourcenschonung in ihrem persönlichen Umfeld einsetzen möchten, das Seminar „ehrenamtlicher Abfallcoach“ angeboten.

Zum fixen Bestandteil der bewusstseinsbildenden Maßnahmen gegen Vermüllung (Littering), für Abfallvermeidung und Umweltschutz hat sich der „große steirische Frühjahrsputz“ entwickelt, welcher 2008 ins Leben gerufen wurde. Er wird seither jährlich über einen Zeitraum von ca. 4 Wochen mit den Partnern ORF Steiermark, Wirtschaftskammer Steiermark und steirische Abfallwirtschaftsverbänden sowie unter aktiver Teilnahme zahlreicher Vereine, Verbände, Schulen und Gemeinden durchgeführt. Beim „Frühjahrsputz“ 2018 konnte mit 55.000 teilnehmenden Personen und 220.000 kg eingesammeltem Abfall ein neuer Rekord erreicht werden. Uns ist weltweit keine größere regionale Anti-Littering-Kampagne bekannt.

Im Bereich Abfallvermeidung gibt es Förderungen für waschbare und somit wiederverwendbare Windeln sowie für abfallarme Feste nach den Kriterien von „G´scheit Feiern“. Unter „G´scheit Feiern“ werden jährlich ca. 200 Feste und Veranstaltungen in der Steiermark durchgeführt, welche die Muss-Kriterien zur Abfallvermeidung (z.B. ausschließliche Verwendung von Mehrweggebinden und Mehrweg-Geschirr) und bezüglich regionaler Herkunft der Lebensmittel einhalten. Die Reduktion des Abfalls im Vergleich zu herkömmlichen Veranstaltungen beträgt bis zu 90 %. Seit 2017 ist „G´scheit Feiern“ Teil des österreichweiten „Green Events Austria“ Netzwerkes.

Im Bereich Bewusstseinsbildung kooperieren wir natürlich auch österreichweit mit vielen anderen Akteuren der Abfallwirtschaft. So haben wir zum Beispiel gemeinsam mit dem Land Tirol und Joanneum Research 2015 die „Fair Fashion App“ entwickelt, auf welcher sich Geschäfte, die faire und nachhaltige Mode anbieten, präsentieren können. Zum Thema Vermeidung von Lebensmittelabfällen wird die Initiative des Bundesministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus „Lebensmittel sind kostbar“ unterstützt und mitgetragen.

 

Viele Länder außerhalb, aber auch in Europa stehen vor der Herausforderung, eine funktionierende Abfallwirtschaft zu etablieren. Was würden Sie diesen Ländern aus der Sicht der öffentlichen Hand empfehlen?

Ich würde empfehlen, nachvollziehbare Rahmenbedingungen zu schaffen, d.h. die erforderlichen Gesetze und Verordnungen für eine getrennte Sammlung und die Umsetzung der Abfallhierarchie zu erlassen, geeignete Lenkungsmaßnahmen (finanzielle Anreize durch Steuern, Förderungen, Umsetzung des Verursacherprinzips) umzusetzen und die Grundsätze der öffentlichen Beschaffung zielgerichtet zu adaptieren, um eine Vorbildwirkung zu entfalten und öffentliche Mittel für nachhaltige und kreislauforientierte Produkte zu verwenden.

Tragfähig wird eine funktionierende Abfallwirtschaft nur, wenn alle Stakeholder eingebunden sind. Mit der Wirtschaft und den Vertretern von Kommunen sollten im Dialog gemeinsame Lösungen gesucht werden. Nicht zuletzt muss die Bevölkerung durch Information und bewusstseinsbildende Maßnahmen für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft begeistert werden.

 

Dr. Ingrid Winter leitet das Referat Abfallwirtschaft und Nachhaltigkeit der Steirischen Landesregierung und vertritt das Land in diversen regionalen, nationalen und europäischen Fachgremien. Im Referat werden darüber hinaus Förderungen zur Abfallwirtschaft und Nachhaltigkeit abgewickelt, Amtssachverständige für Abfallwirtschaft für Behördenverfahren zur Verfügung gestellt und diverse Fachprojekte durchgeführt. Der Fachbereich „Nachhaltige Entwicklung“ implementiert als aktuelles Leitprojekt die UNO Nachhaltigkeitsziele in der steirischen Landesverwaltung.

Amt der Steiermärkischen Landesregierung
Abteilung 14 – Referat Abfallwirtschaft und Nachhaltigkeit
A-8010 Graz, Wartingergasse 43
abfallwirtschaft@stmk.gv.at
Tel.: 043-43-316-877-4323

Referatsleiterin:
Dr. Ingrid Winter
ingrid.winter@stmk.gv.at

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